Was das Schweizer Militär und die deutsche Polizei mit meinem Schreiben zu tun haben

4. Mai 2021 | Allgemein | 0 Kommentare

Ich liebe Schreibcamps! Die vielen Übungen öffnen das Herz und dann fließt es richtig aus mir heraus. Wenn du gerne schreibst, kann ich es dir nur empfehlen!
Eine Aufgabe des letzten Schreibcamps bestand darin, einen Artikel unter dem Hashtag #meinegeschichtediemichzumschreibenbrachte zu verfassen.

Die Story meines Schreibens beinhaltet eigentlich 2 Geschichten. Eine eher peinliche, nach dem Abi geschah und die mich jahrzehntelang von Schreiben abhielt. Doch diese Geschichte hebe ich mir für ein anderes Thema auf. Lasst mich hier die letzte Story erzählen, die mich wieder zum Schreiben gebracht hat.

Die willkürliche Trennung

2020: ein Virus hält die Welt in Atem und ich erlebe den 1. Lockdown meines Lebens. Es war nicht die verhüllende Maske, es war nicht das wenige Einkaufen, weshalb mich das so mitgenommen hat:  Mitten durch meine Stadt verlief von heute auf morgen ein Grenzzaun. Und weil sich die Menschen nicht davon auf Abstand bringen ließen, wurde wenige Tage später in einer Nacht- und Nebelaktion in 2 m Abstand noch ein weiterer Zaun errichtet.

Man ließ mich nicht mehr zu meinem Freund, der auf der Schweizer Seite lebt. Ein doppelter 2 m hoher Grenzzaun entlang der sog. Kunstgrenze teilte uns. Schweizer Militär patrouillierte. Zu Fuß oder im Jeep. Bewaffnet. Die deutsche Polizei passte vom Auto aus auf; immerhin mit großzügigem Abstand.

Die beiden Städte Konstanz und Kreuzlingen, die für uns Bürger eins sind, wo man x-mal am Tag einfach hin und her fährt, waren plötzlich wieder getrennt. So getrennt, dass man von einer Minute auf die andere nicht mehr hinüberdurfte. Familien wurden getrennt, Paare wurden getrennt, Freundschaften wurden getrennt. Kinder durften nicht mehr zu ihren Vätern. Die Situation war einfach surreal. Ich hätte nie geglaubt, dass bei uns so etwas im 21. Jahrhundert noch möglich ist.

Der Zaun der Liebenden

Ich kenne keine Grenzen, nur als Kind vom Urlaub. Und ich möchte sie nie wieder haben! Dieser Zaun ist als „Zaun der Liebenden“ unrühmlich in die Geschichte unserer Stadt eingegangen. Ein Teil davon steht heute in Stuttgart im Landesmuseum.

Der SWR drehte einen 3-teilige Doku mit uns, wie unser Hund illegal unter dem Grenzzaun durchflutscht und wir wie die Königskinder jeweils auf der anderen Landesseite stehen und nicht zueinander kommen können. Über uns und diese absurde Situation erschien ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung und sogar die BBC berichtete von uns. Mir hat es jedes Mal die Tränen in die Augen getrieben, wie herzzerreißend unser Hund schrie, weil er nicht verstand, warum er nicht zu seinem geliebten Herrchen durfte. Diese Töne werde ich nie vergessen.

Illegaler Grenzübertritt?

Unser Hund ist normalerweise die halbe Woche bei mir, die andere Hälfte bei meinem Freund. Die Wochenenden verbringen wir eh zusammen. Aber durften wir den Hund jetzt einfach über die Grenze laufen lassen? Oder machten wir uns damit strafbar? Jeder erzählte mir etwas anderes. Aber die Mehrzahl lautete: nicht erlaubt. Mit meinen Fragen waren die Grenzwachen und die Bundespolizei total überfordert. Das ist illegaler Grenzübertritt und  damit kein Kavaliersdelikt.

Wenn Niro bei mir war und ich ihn zu meinem Freund bringen sollte, löste allein der Gedanke, er könne vielleicht nicht wieder zurückkommen, in mir totale Panik aus. Was für mich total untypisch ist, denn ich lebe gern für mich.

Ich erinnere mich genau an einen Abend, herrliches Wetter und warme Temperaturen. Es gab einige wenige Stellen, an denen man den Hund quasi über die grüne Grenze hätte laufen lassen können. Und die Gerüchte kamen auf, diese Stellen sollten zugemacht werden. Wir trafen uns am Grenzbach. Im Gebüsch versteckt, wo uns niemand von der Straße aus so leicht entdecken konnte. Wie Verbrecher kam ich mir vor! Mein Freund auf der Schweizer Seite, er wollte mir den Hund bringen, ich auf der deutschen Seite. Dazwischen ein Bach, der Gott sei Dank zu diesem Zeitpunkt ziemlich wenig Wasser führte.

Alles musste sehr schnell gehen. Den Hund schnell rüberlaufen lassen zu mir, seine Tasche rüberwerfen und schnell hoch zum Bürgersteig gekraxelt. Puuh, geschafft!

Und da sah ich sie auch schon um die Ecke kommen! Grenzwache auf Kontrollstreife. Ein Mann und eine Frau. 20 Sekunden früher und sie hätten uns erwischt. Ich zitterte am ganzen Körper. Ob die was gesehen haben? Ich grüßte erst einmal recht freundlich. Banges Zittern. Sie hatten scheinbar nichts bemerkt, denn sie gingen einfach weiter. Ich war wohl nur eine ganz normale Gassigeherin für sie.

Die Blockade

Heute weiß ich: Dieses Ein- und Ausgesperrtsein, diese empfundene Willkür und die Machtlosigkeit, Grenzen … all das macht viel mit einem Menschen. Mich hat es direkt in eine Totalblockade und in eine tiefe Depression gestoßen. Nix ging mehr.

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Als ich mich am tiefsten Punkt dieser Situation befand, fing er mit einem Male wieder an, aufzuglimmen: der Wunsch zu schreiben. Ganz tief in mir drin. Ich konnte es nicht erklären. Aber ich wusste, es gibt keine bessere Therapie für mich, als meine Gefühle aufzuschreiben. Ich war nämlich mein Leben lang Weltmeisterin im Alles-unter-den-Teppich-Kehren. Aber irgendwann ist der Teppich unten drunter voll. Und weigert sich, noch irgendwas aufzunehmen.

Schreiben, damit diese Blockade sich wieder löst. Und nach mehreren Monaten, als ich es halbwegs wieder schaffte, nach vorn zu blicken, war ich mir ganz sicher: Ich wollte nur noch als Texterin arbeiten.

Besiegt eine alte Blockade

Für mich scheint diese Grenzsituation so schlimm gewesen zu sein, dass ich es schaffte, eine fast 40 Jahre andauernde Schreibblockade, abzulegen: Den Gedanken, ich sei nicht gut genug.

Dann kamen schnell die ersten Aufträge aus meinem Netzwerk. Die Kunden fanden meine Texte gut. Das bestärkte mich noch mehr.  Heute, nach 1 Jahr, kann ich sagen, ich habe alles richtig gemacht. Ich muss noch viel lernen, das ist gut so.

Und wenn ich mit dem Texten einmal nicht mehr meine Miete bezahlen muss, werde ich nur noch Romane schreiben. Und berühmt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Quellen und Bildmaterial:
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/grenzzaun-konstanz-kreuzlingen-schreibt-geschichte-100.html

https://www.youtube.com/watch?v=wOYv8tiUEMQ

https://www.youtube.com/watch?v=s-bFhglwN9c

 

 

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